Presseschau Argentinien: Der andauernde Konflikt & (traurige) Fußballgeschichte

Damit ihr auch immer auf dem Laufenden bleibt, was in Argentinien so passiert, werde ich hier ab und an einige lesenswerte News verlinken. Für heute empfehle ich diese Nachrichten:

Stern.de: Argentiniens Präsidentin - Schön und ein bisschen demokratisch
Lebensmittel sind knapp, die Preise explodieren. Das Agrarland Argentinien ist in der Krise. Nur die Exporteure verdienen wie nie. Die Argentinier wenden sich von ihrer Präsidentin Cristina Fernández ab. In ihrer Not besinnt sich die modebewusste Staatschefin auf die Gepflogenheiten der Demokratie.

Sehr ausführlicher und interessanter Artikel über die momentane Situation in Argentinien bezüglich der andauernden Proteste der Landwirte gegen die Erhöhung der Exportzölle auf Sojaprodukte. Inklusive eines “Seitenhiebs” auf die Eigenarten der Präsidentin: “Und in der Casa Rosada, dem Regierungspalast, herrscht eine Präsidentin, die gesagt hat, sie würde selbst im Falle eines Erdbebens nicht ungeschminkt auf die Straße laufen. In hochhackigen Schuhen, versteht sich.”.

Konrad-Adenauer-Stiftung: Argentinien in Aufruhr – 100 Tage Konflikt (PDF)
Was für ein trauriges Jubiläum. Der Konflikt zwischen der Regierung und dem „Campo“, der argentinischen Landwirtschaft, erreichte am Donnerstag den 17. Juni 2008 die 100-Tage Marke. Doch schon längst geht es um viel mehr als die unverhältnismäßig hohe Anhebung der Abgaben auf Exporterlöse, die am 11. März 2008 den Beginn des Konflikts markierte . Die Maßnahmen der Regierung Kirchner zur Durchsetzung ihrer Interessen spalten die Bevölkerung und sorgen für landesweite Protestaktionen, die stark an das Szenario von 2001 erinnern, als die Proteste in Buenos Aires die Regierung De la Rua stürzten.

Ein detaillierter Bericht über die aktuelle Situation in Argentinien auf 6 Seiten PDF. Darin wird u.a. erklärt, dass es bei den Protesten längst nicht mehr nur um die angestebten Steuererhöhungen für Sojaexporte geht. Das ganze politische System wird in Frage gestellt, die Mehrheit der Argentinier ist mit der Regierung unzufrieden und die andauernden Proteste verschlechtern die wirtschaftliche Lage des Landes. Die von der Regierung beschönigten Statistiken zur Inflationsrate (9% - laut unabhängigen Instituten sind es jedoch 25-30% für 2008) sind ein weiteres Thema, das die Menschen aufregt. Alles sehr kompliziert, und ich blicke bei vielen Dingen noch immer nicht durch.

Süddeutsche.de: Fußball-Historie:  Jubel in Hörweite der Folterkammern
Vor 30 Jahren gewannen Argentiniens Fußballer ihren ersten WM-Titel - für den Sport war es eine verheerende Niederlage.

1978 wurde Argentinien Fußball-Weltmeister im eigenen Land. Was neben dem Turnier in Argentinien passierte, wie die Sportler für politische Aktionen missbraucht und Spielergebnisse - so sagt man - manipuliert wurden, könnt ihr in diesem Artikel nachlesen. Erschreckend.

… Ich hoffe in der nächsten Presseschau ein paar positivere Nachrichten verbreiten zu können. :)

Mala suerte*

Schwarze Katze, Spinne am Morgen… irgend sowas muss es gewesen sein, dass mir in den letzten Tagen ein paar dicke Brocken Steine in den Weg gelegt hat. Und alles fing so an…

Ich hab am Dienstag zuhause gearbeitet, weil zum dritten Mal die Handwerker kommen mussten, um endlich die neu eingebaute Tür zu perfektionieren und die Schandflecken zu beseitigen (was sie noch immer nicht zu meiner kompletten Zufriedenheit erledigt haben, aber ich geb’s einfach auf und werde den Rest grad selbst streichen - kann man ja nicht mit ansehen…). Ok, ich sitz mit 2 Laptops hier - einer mit, der andere ohne Internet. Die wichtige Datei liegt natürlich auf dem Laptop ohne Www-Zugang. Wie bekomm ich die denn auf den anderen Rechner? Kurz überlegt: USB-Stick hab ich nicht. iPod geht nicht (weil für Mac formatiert), Handy… ok, Treiber installiert. Hmm… erkennt das Handy nicht. Ich hab da DVD-Rohlinge. Aber nein, das lässt mein Geiz nicht durchgehen, eine 800kb Datei auf eine DVD zu brennen. Nächste Idee: Ich flitz noch mal ins Büro. Alejandro anrufen! Oooops #1, das Telefon funktioniert nicht! Hmmm… Telefon kaputt oder letzte Rechnung nicht bezahlt? Könnte beides zutreffen. Ok, dann Handy. Oooops #2 - kein Guthaben auf dem Handy. Ok, ich geb’s auf für heute… sooo wichtig isses nun auch nicht. Fertig.

Der nächste Tag: Ich habe noch genau 4 Pesos in meiner Tasche, muss dringend zur Bank. Bank #1: der Automat lehnt die Karte ab mit einer merkwürdigen Fehlermeldung die ich noch nie gesehen hab. Sowas wie “Diese Transaktion kann mit Ihrer Karte nicht durchgeführt werden”. Ok, die Automaten spinnen hier ja öfters mal rum, also zu Bank #2 - gleiches Problem. Bank #3 gibt ebenso kein Geld raus. Die nicht sehr kompetent wirkende Dame am Infoschalter meint, das liegt bestimmt am Magnetstreifen der Karte, soll ich doch umtauschen. Super! Oooops #3.

Zurück zur Arbeit, 50 Pesos beim Chef geborgt - schließlich war ich am Abend zu einem Geburtstag eingeladen und Hunger hatte ich auch! Aber vorher wollte ich das Fußballspiel Deutschland - Türkei anschauen. Mein Chef glücklicherweise auch, also haben wir uns kurz nach 16 Uhr etwas verstohlen aus dem Büro geschmuggelt (wir sind gleich wieder da… lalala…) und wollten eigentlich das Spiel in der Bar nebenan sehen - aber die haben ein anderes Programm laufen. Ok, dann flink zu Ale nach Hause. Laptop ist dabei, um nebenher ein paar Sachen zu besprechen. Und was passiert dann? Oooops #4 - dauernd fällt die Übertragung aus! Sauerei! Aber ok, wir gewinnen! Sehr gut!

Später auf dem Weg zur Geburstagsfeier hab ich mich erst mal ne Runde verlaufen, bin schließlich heil angekommen, freu mich über die Happy Hour (10 Pesos für 2 Bier) - und am Ende vergess ich, das zweite Bier zu trinken!! Wie krass ist das denn?! :) Oooops #5.

Aber heute fing der Tag viel toller an - ich hatte gestern die zündende Idee, doch mal die Visakarte auszuprobieren - die hab ich bisher noch gar nicht benutzt und musste erst mal eine halbe Stunde im Papierkram nach der Pin suchen. Und der erste Versuch in Bank #1: Erfolg! Da kommt Geld aus dem Automaten! Gut. Ein Bekannter aus DE erzählt mir später, dass es scheinbar irgendwelche Probleme mit Maestro-Karten im Ausland geben soll. Ich hab dazu nix finden können. Weiß jemand mehr? Werde mal meine Bank fragen.

*Mala suerte: mala = schlecht, suerte = Glück. Schlechtes Glück? Auch Pech oder Unglück genannt. :)

Filmtipps aus Argentinien - nicht für jeden Geschmack

Heute habe ich ein paar Filmtipps für euch parat, alles Filme aus Argentinien, die ich in letzter Zeit gesehen habe.

XXY

Soeben habe ich gelesen, dass ein argentinischer Film in den deutschen Kinos anläuft: XXY. Den hab ich hier vor kurzem gesehen und kann ihn nur empfehlen! Krasses Thema, wirklich tolle Umsetzung. Der Trailer des Films (auf deutsch):

Fuerza Aerea Sociedad Anonima

Heute habe ich einen Dokumentarfilm von Enrique Piñeyro über die katastrophalen Zustände am internationalen Flughafen Ezeiza hier in Buenos Aires (von 2006) angeschaut (englischer Titel: Air Force, Incorporated). Nicht funktionierende Radargeräte, Bodenpersonal, das der englischen Sprache nicht mächtig ist, Korruption… Eigentlich will ich euch lieber mit den Details verschonen, sonst kommt ihr mich wohl nie hier besuchen. Aber es heißt, inzwischen haben sich die Dinge verbessert - hoffen wir mal!

Hier zwei haarsträubende Ausschnitte aus dem Film. Achtung! Menschen mit Flugangst oder anderen Phobien rund um Flugzeuge - bitte nicht anschauen!!! ;) (Video auf Spanisch mit englischen Untertiteln)

Teil 1: Eine Szene, an die ich mich mit Schaudern erinnere: eine AirFrance Maschine will bei schlechten Sichtverhältnissen landen, der verzweifelte Versuch von Kommunikation zwischen Pilot und Tower.

Teil 2: Eine Maschine von Lufthansa wird beinahe von einer im Rahmen einer Übung gezündeten Rakete abgeschossen. Man beachte die Kommunikation des Piloten mit dem Tower in Buenos Aires!!

Whisky Romeo Zulu

Der Regisseur Enrique Piñeyro war früher selbst als Pilot bei der argentinischen Fluglinie LAPA beschäftigt. 2004 veröffentlichte er die erste Dokumentation zu dem Thema Flugsicherheit - Whisky Romeo Zulu. Basis des Films war das Flugzeugunglück vom 31.8.1998 in Buenos Aires, als eine Maschine von LAPA vom nationalen Flughafen aufgrund technischer Probleme nicht von der Landebahn abheben kann und dadurch 65 Menschen ums Leben kamen. Piñeyro deckt die unhaltbaren Zustände innerhalb der Fluggesellschaft auf (überarbeitete Piloten, technisch mangelhafte Flugzeuge…) und spielt im Film selbst die Hauptrolle. Erschreckende Tatsachen, die sich da aufzeigen. Die Fluggesellschaft LAPA gibt es seit 2003 nicht mehr, beruhigendes Gefühl, aber man weiß ja nicht was die anderen so treiben…

Manchmal wäre ich ja schon gern woanders…

… zum Beispiel genau jetzt, zum Beispiel in Deutschland. Warum? Weil ich dann den Sommer genießen könnte, ein bisschen im EM-Fieber mitfeiern könnte, ein oder zwei (oder…) Konzerte meiner Lieblingsband live erleben könnte (statt mir schlechte Handyvideos bei youtube anzutun), auf Festivals rumhüpfen und viele tolle Musik bewundern könnte… und ganz viel mehr…

Aber, was soll ich sagen. Ich hab’s ja so gewollt! :) Ich ertrage hier das schlechte Herbstwetter mit viel Geduld, schaue mir ein paar Fußballspiele online an (bzw. lese den Liveticker *schnarch*) und versuche mich mit Musik aus der Konserve bei Laune zu halten.

Und als Stimmungsaufheller bei solch einem fiesen Wetter (und auch zu jeglichen anderen Gelegenheiten) empfehle ich doch immer wieder gerne die ärzte (ich nerv euch so lange damit, bis ihr die alle ganz toll findet)!

Tolle Frisuren, tolle Kostüme, merkwürdiger Bassist. ;)

Was passiert hier eigentlich??

Ins utopische ansteigende Lebensmittelpreise? Seit nunmehr fast 3 Monaten andauernde Bauern-Proteste? Eine unfähige Präsidentin, die sich von ihrem Ehemann (und gleichzeitig vorheriger Präsident Argentiniens) lenken lässt? Eine erwartete Inflationsrate von 25-30% in 2008? Hört man davon irgendwas in Deutschland? Ich glaub nicht… Ich lese immer fleißig die News in Deutschland, um zu sehen was bei euch so alles passiert. Und nun ja, Argentinien ist halt nicht so ganz oben auf der Prioritätsliste. Dritte Welt, ganz weit weg… aber ich bin hier und lass euch wissen! :)

Erst heute gab es mal wieder eine große Ansprache der Präsidentin vorm Casa Rosada, der Menschenauflauf hat den Straßenverkehr der kompletten Innenstadt lahm gelegt (und das ist hier wirklich krass, weil täglich Millionen von Menschen ins Zentrum zur Arbeit pendeln). Demonstranten aus dem ganzen Land kamen zum Plaza de Mayo (sicherlich wieder eine Menge armer Leute, die ein paar Pesos dafür bekommen haben, um den Platz zu füllen). Heute gab es ein erstes Todesopfer: ein Demonstrant aus Tucumán (einer Provinz im Norden Argentiniens). Völlig bescheuert und dennoch traurig - er wurde von einer herunterfallenden Straßenlampe erschlagen! :/

Die Bauern protestieren nun schon seit genau 100 Tagen gegen die Erhöhung der Exportsteuern für Sojabohnen und andere Produkte. Und Regierung und Landwirte kommen einfach auf keinen gemeinsamen Nenner. Ich kenn mich mit den Details nicht sehr gut aus, aber der Verlauf der Proteste ist echt langsam nicht mehr schön. Straßen werden blockiert, so dass Lebensmittel nicht rechtzeitig geliefert werden können, teilweise auf den Lkw verderben.

Die Argumentation der Regierung klingt ja ganz nett: Die Mehreinnahmen aus den Exportsteuern sollen umverteilt werden an die Armen in der Bevölkerung (ca. 30% der Menschen hier leben unterhalb der Armutsgrenze, offiziell “nur” 20%). Da sich das Vertrauen in die Regierung jedoch in Grenzen hält - historisch bedingt durchaus verständlich - glaubt kaum jemand an die Umsetzung dieses Versprechens und man sieht das Geld irgendwo im korrupten Regierungsapparat verschwinden.

Erst heute hat mich eine Frau im Supermarkt angesprochen… zuerst ein bisschen Smalltalk, dann wurd’s politisch. Sie meinte, sie würde - wenn sie könnte - sofort wieder nach Spanien gehen. Dort ist die Welt “in Ordnung”, das sei halt die “erste Welt”. Und ich - was mach ich überhaupt in Argentinien? Deutschland ist doch viel besser! Ich hab etwas gegrübelt und festgestellt, dass ich hier ja auch mit ganz anderen Möglichkeiten unterwegs bin. Falls es wirklich problematisch werden sollte in Argentinien - in welcher Hinsicht auch immer - kann ich einfach meine Sachen packen und mich auf den Weg zurück nach Hause machen. Auch ist mein finanzieller Background im Vergleich zu einer großen Masse Argentinier relativ gut (auch wenn ich ihn persönlich als sehr grenzwertig bezeichne ;).

Die Frau meinte, dass die Regierung nicht für das Volk arbeitet, nur für die eigenen Taschen. Dieser Eindruck ist hier weit verbreitet, die Frustration groß. Kurz nach der Wahl der neuen Präsidentin im Dezember letzten Jahres lag die Zufriedenheit mit der Regierung noch bei 60%, inzwischen ist diese auf unter 30% gefallen. Verständlich, die Hälfte ihrer Amtszeit verbringt die Präsidentin nun schon damit, eine vernünftige Einigung mit den Landwirten zu verhindern. Das nervt, ich hab aber leider auch keine Lösung parat.

Weitere Infos: As prices surge, Argentines cry foul over the official figures